Kill your darlings – oder hau den Lucas!

Kill your darlings – oder hau den Lucas!

Kill your darlings – oder hau den Lucas!

Ich dachte nicht, dass das mal jemand zu mir sagen würde: Kill your darlings. Hat sie aber gestern getan, meine Lektorin. Zwar nicht genau in diesem Wortlaut, aber ich habe sie schon verstanden. Und – verflucht! – ich muss zugeben, sie hat mich eiskalt erwischt.

Eine lange Reise und viele Erkenntnisse

Ich war nämlich gestern in Hamburg, um dort persönlich mit meiner zauberhaften Lektorin Anna über meinen nächsten Jugendroman (mit dem Arbeitstitel Wingmen) zu sprechen. Mann, war das aufregend! Ich liebe Zugfahren, nicht zuletzt, weil man dabei lesen, lernen und ungehemmt Menschen beobachten kann. Erst recht, wenn der Zug aufgrund eines technischen Defekts zwischendurch immer wieder anhalten muss und die Fahrt statt dreieinhalb Stunden plötzlich fünf dauert. Spannend, wie die Leute da so reagieren …

Aber darum geht es ja jetzt gar nicht, sondern darum, dass mich Anna bei lecker Kürbislasagne gebeten hat: “Erzähl doch mal von Lucas, deinem Protagonisten!”
Habe ich getan. Ich habe ihr Adjektive genannt, die ihn beschreiben, habe seine Beweggründe dargelegt und seine Geschichte aufgedröselt. Anna hat sehr interessiert zugehört, genickt und mir zugestimmt. Ab und zu hat sie eine Frage gestellt, um sich ein noch besseres Bild von Lucas machen zu können.

Und dann schließlich kamen wir an einen Punkt, an dem ich haderte. Mit mir selbst, weil ich merkte, dass meine Figur nicht hundertprozentig wasserdicht ist. Obwohl, nein, das ist der falsche Ausdruck. Lucas ist wasserdicht und nachvollziehbar, aber ich habe im entscheidenden Augenblick seiner Biografie zurückgezogen, habe ein Auge zugedrückt und ihn durch ein Schlupfloch gelassen, dass überhaupt nicht da sein sollte.

“Du magst Lucas zu sehr, kann das sein?”, fragte Anna mit einem Grinsen auf den Lippen, und raubte mir damit für eine Sekunde den Atem.

“Kill your darlings” live erleben

Was, ich?! Nein, ich doch nicht!

Das war meine erste Reaktion – die ich aber glücklicherweise nicht laut ausgesprochen habe, weil es schlichtweg eine Lüge gewesen wäre. Stattdessen habe ich eine zweite Sekunde darüber nachgedacht, und in dieser zweiten Sekunde ging mir auf: Verdammt, sie hat recht! Ich mag den Kerl zu sehr, und es tut mir weh, ihm wehtun zu müssen. Mir tut es sogar weh, ihn als denjenigen darzustellen, der er ist: Ein selbstsicherer, kluger, oftmals — halt, stopp! Ich will ja hier nicht spoilern.

Worauf ich hinaus will: Leute, liebt eure Figuren aufs Heftigste und bis zum Umfallen! Liebt sie morgens, mittags, abends und auch nachts. Liebt sie, wenn sie schlafen, wach sind, etwas essen, jemandem ins Getränk spucken oder heimlich in der Nase bohren.

Ihr müsst sie aber auch so sehr lieben, dass sie sein dürfen, wie sie sind.

Kein Mensch kommt ohne Ecken und Kanten aus, ohne Fehler und schlechte Laune. Kein Mensch ist nur gut oder böse. Und wenn ihr einen Charakter geschaffen habt, der ordentlich auf die Schnauze fliegen muss, um etwas daraus zu lernen, dann lasst ihn fallen. Manchmal müsst ihr ihm sogar in der letzten Millisekunde noch einen Schubser geben, damit der Aufschlag richtig weh tut. Und möglicherweise könnt ihr dabei sogar ein bisschen lächeln und euch denken: “Gern geschehen. Das bedeutet nur, ich mag dich.”

Vielen Dank, liebe Anna, für diese Erkenntnis! Du hast mir wahnsinnig geholfen, meine eigene Figur noch besser zu verstehen.

[Auch das Foto dieses Beitrags wurde wieder von Ryan McGuire geschossen und auf www.gratisography.com zur Verfügung gestellt.]

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