Nie wieder! Was bedeutet das eigentlich?

Nie wieder! Was bedeutet das eigentlich?

Nie wieder! Was bedeutet das eigentlich?

Nie wieder.

Eine krasse Aussage. Was meint ihr, versteht man das? Steigt man sofort dahinter, was genau es bedeutet, wenn man diesen Ausdruck liest oder hört oder sogar sagt?

Nie wieder …

Bevor ihr jetzt weiterlest, möchte ich euch darauf hinweisen, dass das hier ein sehr, sehr persönlicher Blogeintrag wird. Und falls ihr keine Lust auf ein schwieriges Thema habt, dann solltet ihr besser weiterklicken, euch irgendwelche witzigen Videos über tanzende Minions auf YouTube ansehen oder Katzenbilder. Das hier wird nicht witzig.

Wo fängt man an?

Ich möchte euch etwas über diesen Ausdruck erzählen, über dieses „Nie wieder“. Jeder von euch wird täglich damit konfrontiert und macht sich gar keine Gedanken darüber. Keinen interessiert, dass wir allein jeden Tag 86.400 Gelegenheiten hätten, uns ein „Nie wieder“ zuzuflüstern. So viele Sekunden verleben wir in 24 Stunden. Das sind 31.536.000 Gelegenheiten pro Jahr, die nicht zurückkommen. Wie oft macht man sich bewusst, dass dieser Augenblick einzigartig war? Oder dieser. Oder dieser jetzt.

Ich könnte das ewig weiterführen, aber ich tue es nicht. Stattdessen liefere ich euch ein weiteres Beispiel, eins, das uns alle betrifft, das aber niemand von uns mitbekommen hat und das nie wieder in dieser Form auftauchen wird. Die Geburt. Deine, meine, die von dem Typen, der morgens neben dir im Bus sitzt und Musik hört. Einzigartig.

Der erste Kuss – einzigartig. Das leckere Basilikum-Zitronen-Eis, das du mit Freunden gegessen hast – einzigartig. Eine Sternschnuppe, ein Gespräch, ein Fernsehabend, ein Lächeln – einzigartig. Jeder einzelne Moment ist anders als alle anderen und kommt nie wieder.

Worauf ich hinauswill?

Okay, und jetzt wird es tatsächlich schwierig.

Ich schreibe euch das – oder vielmehr mir, denn ich schreibe, um zu verarbeiten. Schreiben ist mein Job, meine Leidenschaft, Buchstaben sind mein Leben. Ich komme besser mit Buchstaben zurecht als mit Menschen, deshalb sitze ich in diesem Moment an meinem Schreibtisch und tippe das auf meinem Keyboard, anstatt mit irgendjemandem irgendwo zu sitzen und über irgendwas zu sprechen.

Ich schweife ab, denn was ich eigentlich sagen wollte, war: Ich habe ein gewaltiges „Nie wieder“ erfahren am Wochenende. Ein einschneidendes, bösartiges, trauriges „Nie wieder“.

Ich werde nämlich meinen Dad nie wieder sehen.

Blödes, endgültiges Nie wieder!

Ja, es ist genauso, wie es sich liest. Er ist gestorben. Und ich versuche nun, das in Worte zu fassen, damit ich es verstehe.

Mein Dad war krank, schwer krank. Ich will gar nicht näher auf die Umstände eingehen, dafür ist es noch viel zu frisch und auch – hm – zu schwierig gewesen all die vergangenen Jahre. Jedenfalls war es eine Erlösung für ihn.
Meine Tante hat mich im Nachhinein gefragt, ob er denn einen angenehmen Tod hatte. Ich bezweifle, dass jemand einen angenehmen Tod haben kann. Ich bezweifle, dass irgendetwas am Sterben jemals angenehm sein wird. Aber ich verstehe, was sie gemeint hat, und ich glaube, ja. Zumindest hoffe ich, dass das ganze Morphium ihm seinen Wunsch erfüllt hat: Einen Tag keine Schmerzen.

Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hat er verlangt, dass wir den für ihn reservierten Orangensaft seinem Enkel geben. Das war einer der letzten hellen Momente, ehe er in die Dunkelheit abgetaucht ist, aus der er nun nie wieder zurückkehren wird.

Was bleibt danach?

Um ehrlich zu sein, weiß ich noch nicht recht, wie ich damit umgehen soll. Innerhalb von zwei Jahren sind nun drei Menschen gestorben, die mir sehr am Herzen gelegen haben. Es ist ganz große Scheiße, so etwas miterleben zu müssen. Aber wem sage ich das? Keiner von uns kommt daran vorbei, jeder wird sich früher oder später mit so etwas auseinandersetzen müssen.

Wahrscheinlich hilft weitermachen. Oder wie ein Freund heute meinte:

Immer nur vorwärts, niemals zurück.

Vielleicht sollen die ganzen kleinen Nie wieders, die wir jeden Tag erleben, uns auf die großen, mächtigen vorbereiten? Auf die, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen wollen. Und vielleicht sollen sie uns immer wieder die Einzigartigkeit vor Augen halten, die allem und jedem innewohnt.

Auch mein Dad war einzigartig, und es tut weh. Ja, verdammt, es tut weh. Aber ich bin froh, dass er zumindest so lange durchgehalten hat. Ich bin dankbar dafür, dass er das Kind im Erwachsenen für mich zur Normalität gemacht hat, dass er mir seine Neugier, seinen Wissensdurst und seine Sturheit vererbt hat (darüber freut sich mein Mann wahrscheinlich weniger).

Und ich kann mit Stolz behaupten: So einen Dad bekomme ich nie wieder.

in memoriam
Lutz Kalisch
1959 – 2016

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8 Kommentare auf "Nie wieder! Was bedeutet das eigentlich?"

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