Warum Austin Kleon Recht hat, wenn er sagt „Alles nur geklaut!“

Warum Austin Kleon Recht hat, wenn er sagt „Alles nur geklaut!“

Warum Austin Kleon Recht hat, wenn er sagt „Alles nur geklaut!“

Mit Schreibratgebern ist das so eine Sache. Jeder Autor kennt mindestens einen – eher zehn – und jeder Ratgeber behauptet von sich, einer der besten zu sein. Ich habe schon viele gelesen, aber wirklich beeindruckt haben mich bisher nur zwei. Stephen Kings „Das Leben und das Schreiben“ ist dabei ebenso wenig ein typischer Ratgeber wie „Alles nur geklaut“ von Austin Kleon aus dem Mosaik Verlag.

Man kann das Rad nur einmal erfinden

Ist so. Aber manchmal kommt da einer, der das Rad blau macht statt schwarz, und schon finden es alle toll. Anders gesagt:

Ein guter Künstler weiß, dass nichts aus dem Nichts kommt. Alles Kreative folgt dem, was vorher war.

(Zitat aus dem Buch „Alles nur geklaut“)

Soll also heißen, alles ist schon einmal in irgendeinem Zusammenhang irgendwo auf der Welt erzählt worden. Alles. Jedes Gefühl, jede Erfahrung mit einer Krankheit oder dem Tod, jede Kampfszene, jede Art unheimlicher Begegnung – einfach alles.

Alles Neue kommt nur einmal in die Welt. Und obwohl wir gerade mal den Bruchteil einer millionstel Millisekunde für das Universum existieren, ist das Spektrum unserer Wahrnehmung doch begrenzt. Wir können das Riechen nicht neu erlernen, oder das Hören, das Sehen. Nur in Sachen Technologie dürften noch Neuerungen zu erwarten sein – aber selbst die wurden ja alle schon in Star Trek vorhergesagt.

Dem Künstler – ich grenze das jetzt mal auf den Autoren ein – bleibt also nur, das Altbewährte anders zu verpacken, mit einigen exotischen Gewürzen zu bewerfen und bestenfalls noch ein paar weitere Ideen mit hineinzumischen, bis etwas entsteht, das neu anmutet. Ihm bleibt nichts anderes, als Ideen zu klauen.

Das Rad war schon da, man kann es nicht wieder erfinden. Aber wenn man es blau einfärbt und so winzig kleine LEDs darin versteckt, die bei Bewegung zu glimmen anfangen …

Das klingt jetzt aber echt doof!

Na ja, zumindest hat es einen faden Beigeschmack. Vor allem, weil ja jeder Kreative etwas erschaffen möchte, das seinem eigenen genialen Selbst entstanden ist. Der Anspruch an sich und andere ist riesig, Imitationen sind verpönt, Plagiate gar verboten …

Aber HALT! Hier geht es gar nicht ums Plagiieren, Gott bewahre! (Das ist übrigens der Titel eines Buches von John Niven, hier nicht plagiiert, bloß ausgeliehen.) Austin Kleon empfiehlt vielmehr, sich an seinen Vorbildern zu orientieren. Er rät, die Welt durch deren Augen wahrnehmen zu lernen und in diesem Zuge den eigenen Blick zu schärfen. Man lernt eben durch Beispiele, und am besten durch Beispiele, die einen selbst beeindrucken und berühren.

Klaue, verarbeite, verbiege und zimmere damit dein eigenes kleines Kreativ-Häuschen zusammen!

Dadurch entwickelst du deine eigene Stimme

In erster Linie geht es ja darum, Kunst zu erschaffen, die dem eigenen Anspruch genügt. Der Autor ist zugleich sein erster Leser, der Musiker sein erster Zuhörer, der Bildhauer sein erster Beobachter. Wenn man etwas erschaffen will und dafür auf Inhalte zurückgreifen muss, die schon bekannt sind, sollte man das Ganze wenigstens so gut verpacken, dass man selbst davon überzeugt ist.

Gesetzt den Fall, dir gefällt also Haruki Murakami, dann wahrscheinlich aus dem einfachen Grund, weil du seinen Schreibstil und seine Geschichten magst, seinen Blick auf die Welt. Du magst, wie seine Figuren ticken, wie er betrachtet, spricht, interpretiert. Das kannst du nachahmen. Und je länger du nachahmst, desto mehr wirst du dich vom Original entfernen und deine eigene Stimme entwickeln, prophezeit Austin Kleon.

Bei dieser Textpassage musste ich an das Gespräch mit einer befreundeten Illustratorin denken, das noch gar nicht so lange zurückliegt. Sie erwähnte, dass sie von Künstlern, deren Arbeit sie sehr verehrte, angesprochen worden war, weil sie ganz offensichtlich deren Stil nachgeahmt hatte. Nach einem Blick auf ein paar Referenz-Bilder stach mir tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit in die Augen, aber es gab da etwas, das sich abhob. Denn sie hatte nachgeahmt, nicht kopiert. So richtig konnte ich nicht in Worte fassen, was anders an ihren Bildern war. Doch je weiter ich in ihr Portfolio abtauchte – und je näher ich dabei den aktuellen Werken meiner Bekannten kam -, desto klarer wurde mir, dass sie durch das Nachahmen einen völlig eigenen Stil entwickelte. Diese Entwicklung war zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich noch in vollem Gange, daher die Ähnlichkeiten.

Aber nur weil jemand dieselben Farben benutzt, dasselbe Werkzeug oder dieselben Worte, ist der Inhalt nicht zwangsläufig derselbe.

Anyway …

Herrje, ich komme schon wieder ins Erzählen. Dabei muss ich dringend eine Einsendeaufgabe fürs Studium fertigstellen und ein paar Ideen sammeln. Alte Ideen für neue Bücher. Die findet man übrigens durch Lesen, Hören, Schauen und Nachfragen. Immer wieder nachfragen.

Jedenfalls fasse ich mich jetzt zum Schluss deshalb ganz kurz: Hiermit möchte ich jedem kreativen Geist dringend Austin Kleon ans Herz legen, denn seine Tipps gelten keinesfalls nur für Autoren. Und das kleine Büchlein „Alles nur geklaut“ ist obendrein ein wahrer Augenschmaus!

(Quelle Beitragsbild: www.startupstockphotos.com)

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[…] das nicht, zwei Bücher zur gleichen Zeit lesen. Doch eins davon ist der Ratgeber, von dem ich euch bereits erzählt habe, und ich arbeite ihn gerade zum zweiten Mal durch, weil er mir so viel gibt […]

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