Alles neu macht Illuminae

Alles neu macht Illuminae

Alles neu macht Illuminae

Ich lese da gerade dieses Buch, Illuminae … obwohl, eigentlich lese ich ja zwei parallel. Normalerweise kann ich das nicht, zwei Bücher zur gleichen Zeit lesen. Doch eins davon ist der Ratgeber, von dem ich euch bereits erzählt habe, und ich arbeite ihn gerade zum zweiten Mal durch, weil er mir so viel gibt …

Okay, zurück zu Illuminae, dem ersten Band der Illuminae-Files von Amie Kaufman und Jay Kristoff. Kennt ihr die Autoren? Amie ist unter anderem Mitautorin der Starbound-Trilogy (Band 1: These Broken Stars). Jays Feder dagegen entstammen Serien wie die Nevernight-Chronicles oder die Lotus-War Trilogy. Beide also in der Science-Fiction und Fantasy angesiedelt. Gemeinsam haben sie nun etwas erschaffen, das wahrhaft außergewöhnlich ist.

Die Illuminae-Files

Im Nachhinein gesehen gibt der Untertitel bereits einen winzigen Hinweis auf die Aufmachung. Der Leser erhält hier nämlich eine Akte, die angefüllt ist mit unzähligen Dateien. Und ebendiese Dateien erzählen dann zusammengenommen in (meist) chronologischer Reihenfolge eine Geschichte – Kades‘ und Esras Geschichte. Dadurch wird die Story in x verschiedene Perspektiven aufgefächert, doch dazu gleich mehr. Auf den Plot selbst will ich gar nicht weiter eingehen, das haben andere schon ausgiebig und sehr überzeugend getan (Kati von Zeit zu Lesen oder Anna von Ink of Books). Mir geht es vielmehr darum, was ich als Autor aus diesem Buch herausziehen, was ich durch die Lektüre lernen kann. Denn eins haben die Autoren zumindest mir damit bewiesen: Neue Wege zu gehen bedeutet zwar oft, sich weit aus dem Fenster zu lehnen, vor allem im doch sehr traditionsbewussten Buchgeschäft. Doch mit dem richtigen Riecher und einem guten Plan kann man alles erreichen.

Was ist denn so ungewöhnlich an dem Buch?

Wie gesagt, die Aufmachung. Kaufman/Kristoff folgen nicht der typischen Erzählweise, haben sich nicht einfach nur zwei Protagonisten herangezogen, aus deren Sicht sie nun berichten. Hier findet man Interviews, psychologische Gutachten, Reden, private Chatprotokolle, Mails … Und man findet sogar die Gedanken einer künstlichen Intelligenz.

Am I not merciful?

Eine solch komplexe Story auf diese Weise aufzubauen, erfordert Mut und Durchhaltevermögen. Ich kann mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, wie lange die beiden daran geschrieben haben, wie oft sie die Berichte der verschiedenen Personen miteinander abgleichen mussten.

Das (für mich) Großartige an dieser Art des Erzählens ist die Möglichkeit, die Figuren extrem dreidimensional erscheinen zu lassen. Man erfährt nicht (nur) durch deren eigene Worte, durch Monologe oder Tagebucheinträge etwas über Kades und Ezra, sondern sieht sie durch die Augen Dritter. Der Leser switcht ständig zwischen der personalen, der auktorialen und der Ich-Erzählperspektive, und – verdammt! – das ist wirklich absolut genial umgesetzt!

Inwiefern hilft die Lektüre anderen Autoren oder Kreativen?

Ihr müsst das Buch nicht lesen, um daraus etwas mitzunehmen. Vielleicht mögt ihr gar keine Science-Fiction, oder euch langweilen die teilweise sehr ausführlichen Beschreibungen darüber, welcher Hack wie vollzogen wird und was er bewirkt. Völlig egal! Ich will euch nur an meiner Begeisterung darüber teilhaben lassen, auf etwas so Außergewöhnliches gestoßen worden zu sein. (Ja, ich wurde gestoßen. Das stimmt schon.)

Ich kann euch auch ein komplett anderes Beispiel nennen, das aber den gleichen Effekt bringen soll/wird. Vielleicht kennt jemand von euch „David Tage Mona Nächte“ vom Autoren-Duo Steinhöfel/Tuckermann (Amazon)? Die beiden haben die Geschichte zweier Jugendlicher in einem Briefroman erzählt. Sie haben sich selbst tatsächlich Briefe geschrieben, um das richtige Feeling rüberzubringen. Im Zeitalter von WhatsApp, Mail und Twitter (Snapchat gab es damals noch nicht). Und sie sind dabei keinem ausgefeilten Plot gefolgt, sondern haben die Geschichte sukzessive entwickelt. In jedem Brief steckte eine Überraschung für den Empfänger. Mutig!

Oder ihr denkt mal an die crossed-out poems, Gedichte, die durch das Wegstreichen ganzer Sätze und Absätze entstehen. Nur die verbleibenden lesbaren Worte bilden das endgültige Gedicht. Kreativ!

Vielleicht bringe ich noch das interaktive E-Book „Lindbergh“ von Torben Kuhlmann (Amazon) als Beispiel an, ein Buch, das zugleich Bilderbuch, Sachbuch, Graphic novel und eben ein Produkt zum interaktiven Erfahren ist. Innovativ!

Will sagen …

Was ich damit sagen will – und die Illuminae-Files sind dafür einfach ein grandioser Aufhänger -, ist Folgendes: Gerade im Jugendbuch wird der Ruf nach Diversität immer lauter und es wird stetig um Neuerungen gebeten. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass es hierbei nicht nur ums Thema Sexualität geht, denn da türmt sich ja gerade eine Welle auf, die dieses Verlangen stillen dürfte. Hier möchte ich beispielsweise ganz dringend auf „George“ von Alex Gino hinweisen, auf „Nur drei Worte“ von Becky Albertalli (Gott, wieso hat man eigentlich den Titel so verhunzt?!), auf „Damals, das Meer“ von Meg Rosoff oder auf das schon ältere „Marsmädchen“ von Tamara Bach. Wer solche Stories sucht, der findet!

Nein, ich bete darum, dass es auch um Neuerungen in Bezug auf die Gestaltung, die Entstehungsart und die Inhalte geht. Dass der Leser offen ist, sich der Geschichte auf andere Art zu nähern, und dass wir Autoren nicht zu feige oder uns nicht zu schade sind, zu liefern.

Gut gebrüllt, Löwe!

Ja, ich weiß, das klingt jetzt einfach. Mach mal anders! Solche Ideen fallen einem normalerweise nicht über Nacht und auch nicht in Massen in den Schoß. Aber ich kann nur sagen, dass ich mich über jedes Buch freue, das heraussticht und sich in meinen Hirnwindungen festsetzt, weil es anders ist. Denn jedes einzelne davon bringt meinen Willen zum Glühen, es diesen Autoren gleich zu machen, mutig, kreativ und innovativ zu sein. Illuminae gehört definitiv dazu und ich bin wirklich froh, dass ich mich so intensiv damit beschäftigen darf.

Denn vielleicht, ja vielleicht … bringt es ja ein Steinchen ins Rollen …

About Angela Kirchner

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