Wenn Hobbys Achtsamkeit lehren

Wenn Hobbys Achtsamkeit lehren

Wenn Hobbys Achtsamkeit lehren

Ich mag die Fotografie. Ich mochte sie schon immer, aber das Schreiben war mir zu jeder Zeit wichtiger – ist es noch und wird es bleiben. Die letzten drei Jahre habe ich mich vor allem darauf konzentriert, habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Und aus ebendiesem Grund wird mir allmählich bewusst, wie falsch es ist, mir selbst diese Fesseln anzulegen. Die Achtsamkeit geht flöten.

Betriebsblind geht immer

Betriebsblind wird man nur im Brotjob? Hm, möglich. Glaube ich allerdings nicht. Irgendwann lässt die Aufmerksamkeit nach, wenn man etwas regelmäßig tut, und dabei ist es völlig egal, um was es sich handelt. Ich meine, wie viele Paare trennen sich, weil die Partner nach ein paar Jahren Beziehung die Flamme nicht mehr aktiv am Lodern halten? Wie viele Hunde werden verzogen, weil den bettelnden Blicken aus Unachtsamkeit doch plötzlich nachgegeben wird? Und wie viele Künstler sprechen irgendwann einmal von einer Blockade, sei es in Bezug auf das Schreiben, Zeichnen oder sonst eine kreativ-künstlerische Tätigkeit, die man mit den eigenen Händen, Füßen oder was auch immer vollbringt?

Vielleicht lehne ich mich jetzt weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, das ist auch eine Art Betriebsblindheit. Der Kopf läuft stets wieder dieselben Runden, jeden Tag aufs Neue, bis er irgendwann vor Langeweile einschläft. Man schaut nicht mehr genau hin, macht schnellschnell, und dann passieren Fehler. Oder man übersieht etwas. Oder noch schlimmer, man langweilt sich.

Langeweile als Antrieb

Ich spreche hier nicht von der Art Langeweile, aus der Kreativität entwächst. Jeder weiß – oder sollte wissen -, dass man Kindern gestatten muss, sich zu langweilen. Das animiert sie, sich selbst zu beschäftigen, fördert ihre künstlerische Ader zutage. Und das ist bei Erwachsenen nicht anders. Die besten Ideen kommen mir zum Beispiel beim Staubsaugen, putzen oder Autofahren (auf dem Beifahrersitz).

Langweilt man sich dagegen beim Ausüben einer künstlerischen Tätigkeit, kann das blockieren. So jedenfalls meine Erfahrung. Ich persönlich lasse mich dann nämlich verdammt schnell ablenken, bin mit den Gedanken schon vier Schritte weiter und trödele dementsprechend herum. Zum Thema zurückzukehren erfordert dann im Zweifel extreme Selbstkontrolle, falls ich im Kopf nicht sogar schon viel zu weit entfernt bin.

Außerdem – und das ist das Schlimmste an dieser Art Langeweile – fühle ich mich eingeschränkt, wenn ich mich auf eine Sache konzentriere. Die Quintessenz: Früher oder später gehen mir die Ideen aus, weil ich mich dermaßen extrem darauf versteife, welche haben zu müssen, damit ich vorankomme. Da hilft auch noch so starkes Wollen nicht. Im Gegenteil, dadurch werde ich nur noch unruhiger und verzweifelter und – BLOCKADE.

Es lebe das Hobby!

Des Rätsels Lösung: Ein Hobby!
Egal, ob ihr Zeichnen, Schreiben, Stricken, Tanzen oder Musik als euer Hobby wählt, wichtig ist nur, dass ihr euch eins sucht. Vor allem dann, wenn ihr in eurem Job kreativ sein müsst. Am besten ist es meiner Meinung nach, sich eine Beschäftigung zu suchen, die im Kern von der Art Kreativität im Job abweicht, zumindest ein Stück weit. Wenn man Choreograf von Beruf ist, bringt es vielleicht nicht unbedingt das erwünschte Ergebnis, Tanzen als Freizeitbeschäftigung zu wählen. Ist aber eine kleine Verbindung vorhanden, können sich Hobby und Beruf gegenseitig unterstützen und gegenseitig voranbringen.

Nehmen wir beispielsweise John Green. Der schreibt Bücher (castet keine Filme!) und hat mit seinem Bruder einen YouTube-Channel auf die Beine gestellt, die Vlogbrothers. Nebenher spielt er unheimlich gern Videospiele und eignet sich Wissen an, wie es ein Nerd nun mal tut. Irgendwann sind seine Hobbys auf seinen Beruf getroffen und haben gemeinsam etwas Grandioses erschaffen. Die CrashCourse Videos und VidCons sind der Beweis dafür.

Amanda Palmer ist eine großartige Musikerin, die nebenher Texte, Gedichte, ja sogar Bücher schreibt. Außerdem zeichnet sie hin und wieder. Ihr Ehemann Neil Gaiman, der vorrangig Bücher schreibt, produziert nun TV-Serien mit. Einfach, weil er Bock drauf hat.

Oder nehmen wir meine erneut aufgeflammte Liebe zur Fotografie (deren erste Ergebnisse ihr übrigens bald in einer Galerie betrachten dürft). Bilder entstehen nicht in zwei Minuten. Oft sogar nicht mal in zehn. Ich weiß nicht, wie lange ich in den letzten Tagen irgendwo stand, hockte oder lag – ja, lag. Ziemlich matschig draußen momentan, so nebenbei erwähnt -, um ein schönes Bild zu schießen. Von ungefähr einhundertzwanzig Bildern habe ich gerade einmal fünfzehn gefunden, die mir gefallen und die ich jemandem zeigen möchte.

Das Gute daran? Das Herumprobieren bringt meine Gedanken in Bewegung, die Bilder, Ausschnitte und Szenen, die ich beobachte, wirken sich jetzt schon auf mein Schreiben aus. Denn wie kann man etwas beschreiben, das man nie zuvor gesehen hat (mal abgesehen von einem Alien oder dem Inneren eines Vulkans)? Und das Fotografieren lehrt mich Achtsamkeit.

Achtsamkeit hilft beim Genießen und Entdecken

In den letzten Monaten bin ich durch die Welt gehetzt. Okay, das hatte auch andere Gründe, aber einer davon war der Drang, zu Hause meine Arbeit machen zu müssen. Dieser Drang wiederum hat mich gehemmt, und – ihr ahnt es vielleicht – teilweise blockiert. Aus diesem Grund haben die Wingmen (Arbeitstitel!) mich auch so verdammt viel Zeit gekostet.

Jetzt laufe ich langsam, ich sehe mich um, ich entdecke und genieße, was ich entdecke. Ich konzentriere mich darauf, etwas mit meinen Händen und Augen zu machen, während mein Kopf im Hintergrund all diese Entdeckungen für später speichert. Sobald ich dann am Schreibtisch sitze, kann ich die Bilder abrufen und auch beim Schreiben verarbeiten. Mein Hobby beeinflusst meinen Beruf.
Coole Sache, finde ich.

(Mal wieder) Lange Rede, kurzer Sinn: Seid kreativ, seid mutig, seid vielfältig. Ich weiß, dass nicht jeder so privilegiert ist wie Neil Gaiman oder John Green und machen kann, wozu er Lust hat. Aber so was funktioniert auch im Kleinen! Indem man sich zum Beispiel eine Stunde Zeit am Tag nimmt und mit dem Handy oder der Digicam offenen Auges durch die Welt läuft und sich inspirieren lässt. Oder sich Butterbrottüten kauft beziehungsweise leere Klopapierrollen sammelt und daraus Dinge bastelt, wenn man acht Stunden lang am PC sitzen muss.

Ihr versteht schon. Also, what about now? Legt los und habt Spaß! Das Leben ist zu kurz, um es ohne Wunder und Staunen und ganz viel Input zu verbringen!

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