Ich verstehe es, du verstehst es, aber verstehen es die anderen?

Ich verstehe es, du verstehst es, aber verstehen es die anderen?

Ich verstehe es, du verstehst es, aber verstehen es die anderen?

Ich weiß nicht, ob ihr es wusstet, aber mein zweites Buch ist seit Dezember letzten Jahres fertig und befindet sich aktuell in der Überarbeitung. Die Arbeit macht mir wahnsinnig Spaß, beflügelt mich, füllt mich aus … und verlangt mir auch einiges ab. Warum? Nun, angefangen hat es mit dem Satz „Ich verstehe es, du verstehst es, aber verstehen es die anderen?“.

Zuallererst schreibst du für dich

So lautet eins der Gebote beim Schreiben. Wenn du zu Hause in deinem Kämmerchen, Arbeitszimmer, auf dem Sofa oder sonst wo sitzt und schreibst, tust du das für dich. Du bist dein erster Leser und dementsprechend auch dein erster Kritiker. Wenn du keine Lust hast, das jemals jemand anderem zu zeigen, ist das eben so.

The first draft is just telling yourself the story.

Das stammt von Terry Pratchett, und der muss es wissen. Allein 41 großartige Scheibenwelt-Romane entstammen seiner Feder (die Liste findet ihr hier), dann noch ein paar Science-Fiction Romane und einiges mehr. (In diesem Absatz lässt sich übrigens schon mein kleines „Problem“ erahnen. Aber weiter im Text.)

Während man da also sitzt und tippt oder kritzelt, erfährt man als Autor oft selbst erst genau, was eigentlich passiert. Sogar wenn man der Geschichte einen akribisch ausgearbeiteten Plotplan zugrunde legt, kommt es beim Schreiben immer zu irgendwelchen Änderungen, weil man plötzlich merkt, dass die Figuren nicht so wollen wie ihr Erschaffer oder die logische Konsequenz eine andere ist als die gedachte.

Das Gute an der Sache ist, man kann so viele Dinge in den First Draft packen, wie es einem gefällt. Ausschmücken, erzählen, dumme Witze über Dinge machen, die man mag – geht alles! Man versteht seine eigenen Anspielungen ja. Und zwar jede einzelne. Der erste Satz dieses Blogposts hier ist zum Beispiel eine Anspielung auf den Kabarettisten Rüdiger Hoffmann. Kennt den noch jemand? Wenn ja, hättet ihr es gewusst?

Anspielungen verstehen für Dummies

Das Dumme an der Sache ist allerdings, dass nicht jeder Leser diese Anspielungen versteht. Und wenn es dann ans Überarbeiten geht, fällt dem Autoren das wie Schuppen von den Augen.

Oder deine Lektorin weist dich mit dem Satz „Ich verstehe es, du verstehst es, aber verstehen es die anderen?“ darauf hin.

Ich mag zum Beispiel Marvel-Filme über alle Maßen. Auch die Adaptionen der DC-Comics oder Literatur-Verfilmungen im Allgemeinen. Ich liebe Serien (Netflix ist im Übrigen eine Erfindung des Teufels, das sei hier mal erwähnt!), je schräger, desto besser! Dann wären da noch die (meist völlig sinnlosen) Action-Streifen, die ich mir aus purer Lust und Laune anschaue. Weil die Umsetzung großartig ist, die Schauspieler einen (im wahrsten Sinne des Wortes) fantastischen Job abgeliefert haben oder die Special Effects mich wegfegen konnten.
Beispiel gefällig? Die ersten Transformers-Filme – Geez, was hab ich die gefeiert! Allein die Geräusche, die die Autobots beim Verwandeln gemacht haben …! Oder Stargate, der Film mit Kurt Russell und James Spader. Das fünfte Element! Seitdem muss ich beim Bedienen der Mikrowelle immer an „Hühnchen!“ denken und beim Anblick von Streichhölzern an Ruby Rodds dahingehauchtes „Korbeeen …?“.

Ich habe ein Sammelsurium von Hunderten – ach was, Tausenden! – dieser Anspielungen in meinem Kopf gespeichert und würde so, so gern jede einzelne einmal in einem meiner Bücher unterbringen!

Und zuletzt schreibst du für den Leser

Aber – und hier kommen wir endlich zu dem Punkt, warum mir die Überarbeitung des Textes auch viel abverlangt – das geht nicht. Ich kann nicht.
Nein, das ist der falsche Ausdruck.
Ich kann, und ich habe es auch getan. Nur leider läuft man als Autor dann Gefahr, dass der Text für einen Großteil der Zielgruppe so unverständlich wird wie die immer wiederkehrende Aussage „Ich bin Groot“.

Lasst es mich so ausdrücken: Ich sollte es nicht tun. Zumindest nicht, solange das Thema der Story im Kern eines ist, das mit der Anspielung per se nichts zu tun hat. Wenn meine Hauptfigur also den Spitznamen „Captain“ trägt, mag es in meinen Ohren total witzig und sinnvoll klingen, wenn ich Anspielungen auf Captain America oder Jean-Luc Picard mache. Allerdings bedeutet das nicht, dass meine Leser das genauso toll finden. Möglicherweise wissen viele von ihnen nicht einmal, wer Jean-Luc überhaupt ist!

(Hier ein entsetztes Luftschnappen mit großen, runden Augen einfügen!)

Und die Moral von der Geschichte? Ich hab es zwar in den First Draft reingeschrieben und mich diebisch daran erfreut, doch im Endeffekt streiche ich es wieder raus. Weil ich nicht weiß, wer es versteht. Und sobald man in einer Story hängt, weil man etwas nicht versteht, wird es für manchen Leser anstrengend.

Die Alternative wäre, solche Anspielungen in einem Glossar zu erklären, Fußnoten einzufügen oder sonstiges. Aber wer liest denn im Jugendbuch schon Fußnoten?!

Außer sie stammen von einem bitterbösen Djinn (und das war jetzt meine letzte Anspielung).

(Picture taken by Ryan McGuire. See www.gratisography.com)

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2 Kommentare auf "Ich verstehe es, du verstehst es, aber verstehen es die anderen?"

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Kati
Gast
Liebe Angela, ja das glaube ich gerne, die Abwägung welche Anspielungen man in ein Buch bringt, ist sicher schwer. Zu meiner Schande (eine von den viiiiielen Bildungslücken) wäre mir das Zitat „Ich verstehe es, ….“ NICHT geläufig gewesen. ABER … die Frage ist ja auch, in welchem Kontext wäre es gewesen und hätte es auch ohne das fehlende Hintergrundwissen alleine stehen können? Der Satz an sich ist ja sehr aussagekräftig und in sich verständlich … warum muss ich dann wissen, welcher Genie ihn zuerst gesagt hat? Falls Du Copyright Sorgen hättest – Fußnote fände ICH total ok. Schau Dir Nevernight… Read more »
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