Von den Kleinsten lernen, wie das mit der Frustration funktioniert

Von den Kleinsten lernen, wie das mit der Frustration funktioniert

Von den Kleinsten lernen, wie das mit der Frustration funktioniert

Kinder großzuziehen ist mit die schwierigste Aufgabe aller schwierigen Aufgaben. Nicht, weil man so oft nachts raus muss oder all seine eigenen Bedürfnisse auf einmal hintanstellt. Nein, die Entwicklungsphasen sind das Anstrengende daran, denn sie machen aus dem kleinen Engelchen ganz schnell mal den Teufel in Person. Nicht nur die Eltern leiden darunter, sondern vor allem die Zwerge selbst. Momentan lernt der Prinz zum Beispiel den Umgang mit Frustration. Und ich glaube, ich schau mir das jetzt ab.

Wieso geht das nicht?

Die Frage hören mein Mann und ich in letzter Zeit so oft, ich kann es schon gar nicht mehr zählen. Wieso steht das Lego-Männchen nicht so, wie ich das will? Wieso kann ich die Seite nicht so blättern, wie ich will? Wieso schneidet die Schere nicht so, wie ich will? Ständig.
Aber warum?

Das ist ganz schnell erklärt: Der Prinz ist drei Jahre alt, und manchmal will er Dinge tun, für die sein Körper einfach noch nicht bereit ist. Nicht umsonst wird das kleine Lego erst für Kinder ab vier oder fünf Jahren empfohlen. Aber da steht Papas Kiste mit den uralten Lego-Steinen, die so viel cooler sind als die langweiligen Lego-Duplos – und schon ist der Weg für Frustration geebnet. Denn die Antwort „Weil du noch zu klein dafür bist“ stellt ihn natürlich nicht zufrieden. Er weiß ja, dass es geht, und er weiß theoretisch auch, wie. Trotzdem funktioniert es nicht. Das Ergebnis ist gar nicht selten ein gewaltiger Ausbruch purer Emotion.

Was raus muss, muss raus

Erst heute Morgen hatten wir wieder so einen Fall, in dem der Prinz etwas nicht hundertprozentig so umsetzen konnte, wie er sich das vorgestellt hatte. Und nach einem kurzen Kreischen öffneten sich alle, wirklich alle Schleusen, die seine winzigen Tränenkanäle bereithalten, um uns beide mit Bächen aus salzigem Wasser zu überfluten. Der Prinz heulte, was das Zeug hielt. Er wurde böse. Und heulte weiter.

Ich versuchte ihn zu trösten, ihn von der Quelle seines Unmuts zu trennen und beruhigend auf ihn einzureden – nichts half. Erst nach ein paar Minuten hatte er sich wieder soweit unter Kontrolle, dass er erklären konnte, was ihn so aufgeregt hatte. Das Rädchen am Lego-Männchen hatte sich nicht drehen lassen.

Später im Kindergarten sprach ich mit seiner Erzieherin darüber, die Ähnliches ein paar Tage zuvor selbst beobachtet hatte. Doch anstatt zu sagen, dass solche Ausbrüche gar nicht gehen oder reguliert werden müssen, hat sie sein Verhalten sogar gelobt und mir gesagt, ich könne stolz auf ihn sein!
„Klar ist das anstrengend für Eltern und Kind, aber je intensiver er diese Phase durchlebt, desto stärker geht er daraus hervor“, sagte sie. Das hat mich überrascht. Wie konnte das sein?

Und ehe ich mich versah, fand ich mich plötzlich in einem Gespräch wieder, das sich nicht nur um die aktuelle Entwicklungsphase meines Sohnes, sondern ein bisschen auch um meine eigene derzeitige Situation drehte.

Der Frustration ein Ventil geben

Anstatt den Frust über eine bestimmte Situation in sich anzuhäufen und irgendwann daran zu ersticken, lassen (viele) Kinder ihn nämlich einfach raus. Sie machen sich Luft, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn sobald man unter diesem Berg erst mal begraben ist, fällt einem irgendwann das Atmen schwer. Kinder wissen das instinktiv, sie wehren sich gegen seelischen Balast.

Ist das nicht eine großartige Sache von Mutter Natur? Sie legt unseren Sprösslingen dieses Wissen in die Wiege und schützt sie damit vor sich selbst und ihren oft viel zu hohen Ansprüche an ihre kleine Person – was natürlich nicht bedeutet, dass sie nicht unter Stress leiden und krank werden können, wenn die Ansprüche von außen zu hoch sind! Das ist also keinesfalls ein Freibrief, nicht falsch verstehen.

Jedenfalls können wir aus diesem angeborenen Schutzmechanismus einiges lernen. Ich zumindest kann das und habe das heute auch schon einmal umgesetzt.

Einfach mal schreien, heulen, wütend sein. Darüber reden, wie man sich fühlt, nicht gleich kratzbürstig auf Gegenangriff gehen oder sich beleidigt in sich selbst zurückziehen. Die Emotionen rauslassen, anstatt sie im Inneren zu horten wie einen Schatz. Emotionen sind nämlich beim besten Willen kein Schatz, der einzigartig ist. Sie kommen immer wieder, darauf kann man sich verlassen. Und wenn man sie rauslässt, entsteht dadurch Platz für Neues.

Oder kurz gesagt: Therapy is nice, but screaming FUCK at the top of your lungs for ten seconds sometimes also works.

(Vielleicht geh ich gleich noch mal Gassi. Auf dem Feld, wo kilometerweit niemand sonst ist. Nur zur Vorsicht.)

About Angela Kirchner

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz