Que Du Luu – Im Jahr des Affen (#djlp17)

Que Du Luu – Im Jahr des Affen (#djlp17)

Que Du Luu – Im Jahr des Affen (#djlp17)

Im Jahr des Affen ist ein leiser Roman. Que Du Luu erzählt die Geschichte ihrer Protagonistin Minh Thi Tu ohne viel Aufhebens, ohne große, schwere Worte. Wer Kitsch sucht, ist hier fehl am Platz. Stattdessen verlässt sich die Autorin auf einfache Begriffe, auf kurze, prägnante Sätze, und leitet die Aufmerksamkeit des Lesers damit genau dorthin, wo sie sie haben will.

Um was geht’s?

Minh Thi – von ihren deutschen Freundinnen kurz Mini genannt – lebt mit ihrem Vater in einer heruntergekommenen Wohnung am Rande von Herford, Nordrhein-Westfalen. Das China-Restaurant der Familie läuft mehr schlecht als recht, aber das will keiner von beiden richtig wahrhaben. Auch Barjunge Ling und Koch Bao leben eher träge vor sich hin, anstatt an ihrer jeweils aussichtslosen Situation etwas zu ändern. Nur Minh Thi wagt sich ab und zu, Neues zu probieren – allerdings gern im falschen Moment. So gerät sie zufällig an Bela, der eigentlich der Schwarm ihrer Freundin ist, aber so viel Ruhe ausstrahlt, wie niemand sonst in ihrem Leben …

Als der Vater einen Herzinfarkt erleidet und kurz darauf sein älterer Bruder Wu aus Australien anreist, gerät das Leben der Tus nach und nach aus den Fugen. Auf einmal muss Minh Thi täglich kellnern, sie streitet sich mit Bao, streitet sich mit ihren Freundinnen und fühlt sich bei alldem einfach falsch. Wie eine Banane, sagt Onkel Wu, außen gelb, innen weiß.

Denn was man nicht war, das wusste man ganz sicher, aber was man war, das wusste man nie so genau.

(Que Du Luu, Im Jahr des Affen)

Im Laufe des Buches erfährt man viel über die Schicksale vertriebener Chinesen (Boatpeople; Chinesen, die in Vietnam lebten, Kantonesisch sprachen und den Vietcong, kommunistischen Nordvietnamesen und Amerikanern zugleich entfliehen mussten) und damit über die Familie Tu selbst. Über die Autorin übrigens auch.

Und, wie war’s?

Anfangs hab ich mir schwer getan, muss ich zugeben. Die ersten paar Seiten erschienen mir als jugendbuchuntypisch aufgrund der kurzen Sätze, dem schnellen, kaum reflektierten Vorantreiben der Handlung. All das hat mich ein wenig ratlos zurückgelassen. Aber ich wollte dieses Buch so unbedingt lesen, und mit jeder Seite, die unter meinen Fingern dahinflog, wollte ich mehr wissen, wollte erfahren, wohin sich diese verzwackte Situation entwickeln würde. Und ehe ich mich versah, fühlte ich mich verdammt wohl im Text. Ich konnte mir inzwischen gar nicht mehr vorstellen, die Geschichte in eine ausführliche Sprache verpackt zu lesen. Es passt einfach nicht dazu. Die schlauen Inhalte kommen nämlich gerade durch die knappen Formulierungen perfekt zur Geltung.

Früher hatte ich gedacht, je älter ich werde, desto besser wird das Leben. Weil man dann tun und lassen kann, was man will. Aber mein Vater, Bao und Ling waren älter als ich und für sie war das Leben beschissen.

(Que Du Luu, Im Jahr des Affen)

Die immer wieder eingestreuten chinesischen Ausdrücke, typischen Verhaltensweisen (“Hast du heute schon Reis gegessen?”) und Bräuche – teils mit Erklärung, was mich wirklich sehr in den Bann gezogen hat, und das nicht nur, weil ich die asiatische Kultur extrem interessant finde – spannen geschickt den Bogen zwischen dem asiatischen Überfluss und der europäischen (deutschen?) Nüchternheit.

Und das Problem mit der anfänglich fehlenden Selbstreflexion hat sich dann auch zügig erledigt. Minh Thi merkt nämlich, dass sie eben nicht bloß immer auf sich allein achten kann, sondern eine Verantwortung trägt.

Fazit zu Que Du Luu – Im Jahr des Affen

Abgesehen davon, dass jedes Buch aus dem Königskinder Verlag ein wahres optisches Schmuckstück ist, kann ich dieses hier auch inhaltlich empfehlen. Definitiv ein verdienter Sprung auf die Nominierungsliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 in der Kategorie Jugendbuch! Die Begründung der Jury, warum dieser Titel ausgewählt worden ist, könnt ihr hier nachlesen.

Abschließend noch zwei Punkte: Ich bin mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher, ob manch jugendlicher Leser nicht anfangs seine Probleme haben wird, der Story zu folgen. Immerhin ist sie in einer Zeit angesiedelt, da waren die meisten Vertreter der Zielgruppe noch Wunschdenken, ebenso wie Handys und Streamingdienste. Das allein macht das Folgen natürlich nicht schwierig, vielmehr die Tatsache, dass einem erst nach vielen, vielen Seiten bewusst wird, wann genau der Roman spielt. Doch Dranbleiben lohnt sich!

Wirklich gestört – gestört ist natürlich zu viel gesagt – hat mich nur, dass ständig vom Essen gesprochen wird. Wenn ich bei der Lektüre nicht beim Arzt im Wartezimmer gesessen oder abends im Bett gelegen hätte, hätte ich sicherlich den nächsten China-Imbiss geplündert. 😉

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