Simon van der Geest – Krasshüpfer (#djlp17)

Simon van der Geest – Krasshüpfer (#djlp17)

Simon van der Geest – Krasshüpfer (#djlp17)

Allein der Titel hat es schon in sich: Krasshüpfer. Keine Sekunde hat es gedauert, da war ich bereits davon überzeugt, dieses Buch lesen zu müssen. Und das nicht nur, weil es als eines von sechs Büchern in der Sparte Kinderbuch beim diesjährigen Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert ist. Wenn ein Autor wie Simon van der Geest einen neuen Titel vorlegt, kann man ihn beruhigt zur Hand nehmen. Und wenn ihn Mirjam Pressler übersetzt hat, umso mehr.

Dachte ich. Denke ich immer noch. Also … Oder?

Um was geht’s?

Ach, fangen wir doch von vorne an. Am besten bei den Heuschrecken.
Um die geht es nämlich im Krasshüpfer, und obendrein um Grillen, eine Gottesanbeterin namens Jackie Chan, um Nashornkäfer, Glühwürmchen, den letzten schillernden Rosenkäfer der Niederlande, Schnecken, Wespen und allerlei anderes Getier aus der Klasse der Insekten. Auch um Totengräber, sowohl die echten als auch die Käfer.

Vor allem aber geht es um die Brüder Hidde und Jeppe. Die führen nämlich Krieg um einen geheimen Keller. Hidde – aus dessen Sicht wir die Geschichte verfolgen – darf den Keller nämlich seit drei Jahren exklusiv nutzen. Kurz nachdem ihr älterer Bruder Ward an einer Krankheit gestorben ist, hat Jeppe diesem Ort einfach den Rücken gekehrt. Stattdessen durfte Hidde dort seinen Traum vom Insektenlabor Realität werden lassen, wo er seitdem züchtet, beobachtet, mit sich im Reinen ist.
Aber plötzlich taucht Jeppe auf und beansprucht den Keller für sich. Er will ihn in einen Probenraum für seine Band umbauen (hier sehe ich übrigens ein gewaltiges Plotloch, dazu später mehr), obwohl er doch vor drei Jahren geschworen hat, dass Hidde den Raum für immer und ewig allein nutzen darf. Nun schreibt Hidde in einem Heft auf, wie der Krieg vonstatten geht. Dabei spricht er den Leser direkt an, nimmt ihn mit und setzt ihn jeder Schlacht intensiv aus.

Wer sich über die Wortwahl wundert: Schlacht und Krieg sind hier nicht die schlechtesten Bezeichnungen, die beiden Jungs haben es durchaus faustdick hinter den Ohren. Da wird von angedrohter Prügel über giftige Insekten und tatsächliche Handgreiflichkeiten alles aufgeboten.

Und, wie war’s?

Okay, ab jetzt wird es schwierig. Ich versuche, so weit es geht ohne Spoiler auszukommen, kann jedoch nichts versprechen.

Grundsätzlich finde ich die Story sehr gelungen. Sie zeigt die Verzweiflung, die eine Familie nach dem unerwarteten Tod eines Mitgliedes treffen kann. Der Zerfall einer Gemeinschaft, die Probleme, die Trauer werden überzeugend dargestellt. Wahnsinnig gut gefällt mir auch, wie der Autor die beiden Jungs mit ihren jeweiligen Hobbys und Spleens darstellt, wie verschieden er sie sein lässt.

Allerdings hakt es für mich an einigen Stellen gewaltig. Oben erwähnte ich bereits das Plotloch, welches mir geradewegs ins Gesicht gesprungen ist. Jeppe will mit seiner Band im Keller proben, die Mutter weiß allerdings nichts von ebendiesem Keller. Und das soll um jeden Preis so bleiben. Ein klärendes Gespräch mit „Mam“ über die Situation würde den ganzen Kampf ja auch hinfällig machen. Nur fragt man sich, wie ein Probenkeller für eine fünfköpfige Band geheim bleiben soll. Gut, Mama ist nicht oft zugegen, doch selbst ihr müsste irgendwann auffallen, dass da was nicht stimmt. Spätestens, wenn die Nachbarn sich nach dem Lärm erkundigen. Oder?

Was noch?

Gut, darüber konnte ich schließlich hinwegsehen. Was mich allerdings wirklich gestört und sogar beunruhigt hat, ist die Auflösung der Geschichte. Die existiert nämlich insofern gar nicht, als dass der Leser sie nicht mitbekommt. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mal, ob es überhaupt eine gibt. Man erfährt von einem Geheimnis, das zwischen den beiden Brüdern und der Mutter/dem Rest der Welt steht und den Krieg erst auslöst. Über mehrere Seiten hinweg droht Hidde, dem Leser dieses Geheimnis anzuvertrauen, tut es dann aber doch nicht, weil Jeppe das Heft findet und ihm verbietet, je darüber zu sprechen.

Schlussendlich setzt Hidde sich darüber hinweg, und sogar die Mutter wird kurz ins Spiel gebracht. Gut so, denn sie ist es, die Bescheid wissen müsste! Sie ist es, die Absolution erteilen und Schuldgefühle nehmen könnte. Nur darf sie das nicht, weil der Leser nicht darüber aufgeklärt wird, ob sie jemals hinter das Geheimnis kommt oder gekommen ist. Sie lächelt auf einmal. Wieso? Sie wirkt etwas verändert, Jeppe auch. Wieso? Man kann nur mutmaßen.

Als Leser wird man mit dem Wissen um das Geheimnis allein gelassen, und in Anbetracht dessen, dass es sich hierbei um ein Kinderbuch handelt, halte ich diese Herangehensweise ehrlich gesagt für fragwürdig. Darf man Kinder mit solch einer (nicht gerade banalen) Schuldfrage zurücklassen, ohne eine Lösung zumindest zweifelsfrei anzudeuten?

Fazit zu Simon van der Geest – Krasshüpfer

Alles in allem hat mich das Buch nicht enttäuscht, aber es hat mich ratlos zurückgelassen. Und aufgewühlt. Das für sich genommen ist ja nicht verkehrt, für mein kindliches Unrechtsverständnis jedoch ein herber Schlag. Ich kann nur empfehlen, dass man mit den jungen Lesern darüber spricht, wenn sie die Geschichte beendet haben, und ein für alle Parteien zufriedenstellendes Ende findet. Eines, wie es (in diesem Fall leider nicht) im Buche steht.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie der Titel sich bei der Preisverleihung am 13. Oktober schlagen wird. Wer nachlesen möchte, weshalb Krasshüpfer von der Jury nominiert wurde, kann das hier tun.

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