Die Sache mit dem Leseexemplar

Die Sache mit dem Leseexemplar

Die Sache mit dem Leseexemplar

Vielleicht ist dem ein oder anderen von euch schon aufgefallen, dass im Herbst mein neues Buch Viel näher als zu nah erscheint. Also quasi jetzt. Oder vielmehr bald, denn noch ist es nicht soweit. Nur wer sich zum Kreis der Buchhändler oder Blogger zählen darf, der konnte vorab schon einen Blick hineinwerfen. Das Zauberwort heißt in dem Fall Leseexemplar.

Das sind Bücher, die der Verlag kostenfrei zur Verfügung stellt, um Aufmerksamkeit zu generieren. Geschenke. Werbung. Häufig werden sie sogar früher ausgeliefert als die Autorenexemplare. Ich warte immer noch auf mein Paket, während manch einer auf Instagram schon fleißig schöne Bilder des Covers, kunstvoll arrangiert vor prall gefüllten Bücherregalen postet.

Das Leseexemplar, dein Freund und Helfer – eigentlich

Grundsätzlich finde ich die Idee dahinter sehr gut. Ich meine, wie oft habe ich früher, als ich noch in der Buchhandlung gearbeitet habe, das Regal mit den Leseexemplaren durchgearbeitet und bin dadurch auf Titel gestoßen, die mir sonst durch die Lappen gegangen wären. Es ist eine effektive Möglichkeit, um die Augen der Influencer auf bestimmte Titel zu richten und damit, wie oben bereits angemerkt, Aufmerksamkeit zu generieren.
So weit, so gut.

Unschön wird es dann, wenn ebendiese geschenkten Exemplare bereits auf Plattformen wie Momox oder Rebuy verscherbelt werden und dadurch als gebrauchte Artikel im Netz auftauchen, noch bevor das Buch überhaupt ausgeliefert wurde. Da steht dann auf Amazon etwas wie

Dieser Artikel ist noch nicht erschienen. Aber du kannst ihn vorbestellen – oder hier gebraucht kaufen! Wooohoo!

Im ersten Moment fällt einem da als Autor*in die Kinnlade runter, und langsam, ganz langsam, arbeitet sich ein Ausruf durch das Hirn à la „What the f***!“
Wir erinnern uns, dieses Buch ist noch nicht lieferbar. Man konnte es bisher nur lesen, wenn man es als ein Geschenk des Verlags erhalten hat. Oder als ein Rezensionsexemplar, das dann aber bitte auch baldmöglichst rezensiert werden sollte.

Hier hat also jemand mein Buch verkauft, obwohl er es im Zuge einer Werbeaktion geschenkt bekommen hat. Und das – ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen –, obwohl es noch nicht einmal regulär lieferbar ist.

Warum das ziemlich doof ist

Keine Ahnung, ob ihr nachvollziehen könnt, weshalb mich das so maßlos ärgert. Einige werden wahrscheinlich sogar denken, dass ich gar kein Recht habe, mich darüber aufzuregen. Doch falsch gedacht, dieses Recht habe ich als Urheberin des Buches sehr wohl. Ich habe es geschrieben! Und nun machen Menschen damit Geld, die es bestenfalls gelesen haben. Ich zähle mal ein paar Punkte auf, um meine Denke zu verdeutlichen.

  1. Wenn es denn tatsächlich ein (vielleicht sogar angefragtes) Rezensionsexemplar (oder mehrere?) war(en), wurde aller Sinn und Zweck dieses Leseexemplares mit Füßen getreten. Bisher ist nämlich nur eine einzige Rezension im Netz aufgetaucht, und ich bin nicht gewillt, genau dieser Person das hier beschriebene Dilemma vorzuwerfen. Das Buch wurde also (möglicherweise) gelesen, nicht besprochen und verkauft.
     
  2. Man hat sich nicht mal die Mühe gemacht, das offizielle Erscheinungsdatum abzuwarten. Leute, die mein Buch haben möchten, können es also bereits gebraucht billiger kaufen, obwohl die (Buch-)Händler es noch gar nicht an Lager haben.
     
  3. Wer verdient daran? Nun, derjenige, der es verkauft. Und Momox, Rebuy und Medimops. Sonst niemand. Ich als Urheberin sehe davon nicht einen Cent. Der Verlag im Übrigen auch nicht, denn Werbung wurde ja keine gemacht.
     
  4. Wer bezahlt dafür? Nun, auch ich, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Kann der Verlag die auf diesem Wege ausgegebenen Bücher als Werbung kennzeichnen und absetzen, liegt die Sache bei mir völlig anders. Jedes Leseexemplar, das an Händler, Blogger, Journalisten etc. gesandt wird, geht von meiner Erstauflage ab. Allerdings zählt keins davon als Verkauf. Sprich, diese Bücher werden verschenkt, ich erhalte keine Tantiemen dafür. Nichts. Und natürlich verdiene ich auch nichts, wenn Medimops die dann gebraucht anbietet.
     
  5. Es ist schlicht verboten, Leseexemplare ohne Zustimmung des Urhebers zu verkaufen. Meist wird das in einem gesondert ins Buch gedruckten Passus noch einmal erwähnt, leider nicht immer.

Ich könnte noch eine Weile so weitermachen, aber ich schreibe mich in Rage. Und das ist nicht gut.

Das Problem dabei ist Folgendes

Ziemlich sicher können sich die Wenigsten vorstellen, was ein Autor verdient. Aktuell streift ein Artikel der SZ durchs Netz (hier nachzulesen), der schon krasse, doch zum Teil sogar noch recht annehmbare Zahlen offenbart. Wenn dann allerdings auch noch die Verkäufe, die einem Autoren das kontinuierliche Schreiben überhaupt erst ermöglichen sollen, wegfallen, weil der „Gebrauchtwaren-Markt“ boomt, tja dann sieht es düster aus im Märchenwald.

(Anmerkung: Ich rede hier nicht von Büchern, die selbst erstanden und dann weiterverkauft werden! Das ist erlaubt, und daran haben Autor und Verlag auch schon verdient.)

Und jetzt zu einer Überlegung, die diese ganze Aktion nach sich zieht.
Von vielen Seiten ist der Ruf nach mehr Diversität, Flexibilität, Mut und neuen Ufern im Kinder-/Jugendbuch zu hören. Mal ehrlich, ein Großteil der Bücher wird von Eltern und Großeltern gekauft, die in ihrem Denken möglicherweise (noch) ganz anders aufgestellt sind. Dementsprechend groß ist der Anteil an Mainstream-Titeln, die nach wie vor über die Ladentheke gehen. Wer als relativ unbekannter Autor Diversität einbringen will, muss das entweder in winzigen Dosen machen oder schlimmstenfalls mit Umsatzeinbußen rechnen. So ist es leider. Die Buchwelt ändert sich in homöopathisch kleinen Schritten. Dass sich zumindest an den gebotenen Inhalten allmählich etwas ändern könnte, lässt die Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises in der Sparte Jugendjury an Becky Albertalli mit ihrem Werk Nur drei Worte erhoffen. (Wohlgemerkt: Jugendjury!)

Worauf ich hinaus will: Wer in der Literatur mutig sein will, muss sich warm anziehen. Denn solange das Recht und der Verdienst gerade kleiner Autor*innen dadurch beschnitten wird, dass das Geschäft mit den Freiexemplaren immer mehr boomt, werden ebendiese Leute nie davon leben können. Und wahrscheinlich lieber weiter Mainstream veröffentlichen, als durch (leider) schwer verkäuflichere Titel noch mehr Geld einzubüßen. Denn dass ich nicht die einzige bin, die unter diesem Phänomen zu leiden hat, ist mir inzwischen schmerzlich klar geworden.

Eigentlich ist es gar nicht meine Überzeugung, nur zu schreiben, was garantiert gelesen wird und den Geschmack der breiten Masse trifft. Ich würde so gerne mutiger sein! Aber aktuell befinde ich mich tatsächlich an einem Punkt, der mir kaum eine andere Wahl mehr lässt, als den Mainstream zu bedienen. Wie jeder andere Mensch auch muss ich nämlich Geld verdienen. Und das Abwandern der Autor*innen von unausgetretenen Wegen wird durch Aktionen, die ihnen finanziell schaden, nur noch unterstützt.

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