Mein Held, der Antiheld

Mein Held, der Antiheld

“Ich suche Bücher, bei denen ein Antiheld oder Böser die Hauptfigur ist. In Richtung Joker, Voldemort und Breaking Bad Protas. Könnt ihr mir da helfen?”
Hm, denke ich, hm. Ich erinnere mich an meinen Deutsch-LK, an die unzähligen Stunden Literatur-Unterricht während der Buchhändler-Ausbildung, an das Wort Antiheld. Und dann fällt die Entscheidung: Ich sollte mal über Antihelden bloggen.

Gesagt, getan. Damit ich dabei nicht ganz ins Blaue hinein schreibe, hab ich mir im Voraus mal die offizielle Definition des Begriffes Antiheld durchgelesen. Tatsächlich, da stand etwas, das mich nicht sonderlich überrascht hat. Tatenlos sei er, lethargisch, passiv. Keine sinnvolle Aktion sei durch von ihm zu erwarten, zumindest keine, die den Plot voranschreiten lässt. Bücher-Wiki meint gar (und das zu Recht), der traditionelle Begriff des Helden würde durch das Wort Antiheld ad absurdum geführt, weil es tatsächlich das exakte Gegenteil darstellt. Ihn macht eben all das aus, was man beim typischen Helden einer Geschichte nicht vorfindet.

Warum ist er dann derzeit so beliebt?

Die kleine Wandlung

Bevor ich fortfahre, ein kurzer Hinweis: Es folgt eine ganz und gar subjektive Einschätzung des Themas. Ihr lest hier meine Meinung, und diese Meinung lautet: Der Begriff steht heutzutage für eine ganz andere Art von Held.
War der Antiheld zu Beginn seiner Karriere (was gut 160 Jahre zurückliegt, wenn man Oblomow von Gontscharow mal als Ur-Antihelden bezeichnet) ein verpönter, antriebsloser Spielball der Geschichte und hat sie bestenfalls durch seine (Nicht-)Reaktion vorangetrieben, ist das inzwischen völlig anders. Man könnte auch sagen, wir haben das Wort mit einer anderen, für uns positiveren Bedeutung belegt.

Okay, ein Beispiel.

An wen denkt ihr zuerst, wenn ihr euch einen Antihelden vorstellen sollt?
Möglicherweise an Seth Gecko aus Quentin Tarantinos From Dusk till Dawn. Oder an Johannes Cabal aus der gleichnamigen Buchreihe von Jonathan L. Howard, erschienen im Goldmann Verlag. An den Punisher Frank Castle. Oder vielleicht an einen abgewrackten, drogenabhängigen Ermittler aus einem skandinavischen Kriminalroman. Kaz Brekker (Das Lied der Krähen von Leigh Bardugo)? Dexter?
Welche Figur taucht vor eurem inneren Auge auf?
Und jetzt denkt mal darüber nach, was diese Figur ausmacht.

Ist sie antriebslos, passiv und reagiert bestenfalls auf äußere Zwänge? Kann sich die Figur kaum aufraffen und dient als Paradebeispiel dafür, wie man es nicht macht? Ist sie möglicherweise sogar derart heruntergekommen und lethargisch, dass man um nichts in der Welt mit ihr den Platz tauschen möchte?
Ich wage zu behaupten: Nichts dergleichen.

Der neue Antiheld

Ich höre gern Podcasts, am liebsten solche, die sich mit dem Thema Schreiben oder Kreativität auseinandersetzen. Einer meiner all time favourites heißt Writing Excuses und wurde bereits im Jahr 2008 von drei amerikanischen Autoren ins Leben gerufen, die sich vorrangig im Fantasy- und SciFi-Bereich aufhalten. Vor zehn Jahren schon haben diese drei den Begriff Antiheld folgendermaßen definiert:

Der Antiheld ist ein Bösewicht, der eine Heldenrolle erfüllt. Er tut Gutes, obwohl er allein seinen eigenen Regeln folgt, egal wie abstrus oder gar böse sie sind. Diese Heldentaten sind nicht beabsichtigte und auch nicht unbedingt erwünschte Nebenwirkungen.

Boom.
Zwei Unterschiede springen einem doch da sofort ins Auge:

  • Zum einen handelt der Antiheld aus eigenem Antrieb, er tut etwas, verfolgt seine eigenen, festgelegten Ziele. Zwar ist er oft ein Einzelgänger, allerdings geht dieser Art der Existenz eine bewusste Entscheidung voraus. Das trifft auf all die oben genannten Figuren zu. Sie treiben die Geschichte voran, indem sie in Aktion treten, auf welche Weise auch immer. Von unseren modernen Antihelden würde niemand erwarten, dass sie tagelang nur nutzlos auf dem Sofa rumliegen.
  • Zum anderen ist der Antiheld heutzutage in den meisten Fällen böse. Und ein verkanntes Genie. Dexter tötet Mörder, die der Polizei entwischt sind. Der Punisher übt Rache für seine getötete Familie usw. All diese Taten tragen aber stets ein winziges Juwel Gutes in sich, sie verbergen eine heldenhaften Kern unter ihrer blutigen Oberfläche.

Der Begriff des Antihelden hat sich im Laufe der Zeit grundlegend gewandelt, zumindest was den täglichen Sprachgebrauch angeht.

Das Gute daran?

Ich muss zugeben, ich nutze das Wort inzwischen auch immer seltener mit seiner alten Bedeutung. Erst letztens hab ich mich mit meinem Mann darüber unterhalten, was für ein großartiger Antiheld Raymond Reddington aus der NBC Serie Blacklist doch ist. Abgrundtief böse, kaltblütig und gerissen, sich dabei jedoch nicht zu schade, (aus Versehen?) Gutes zu tun. Übrigens eine große Empfehlung meinerseits, falls ihr die Serie noch nicht kennt.

Und ehrlich gesagt, gefällt mir persönlich die neue Definition um ein Vielfaches besser. Oder lasst es mich so ausdrücken: Die Figur, die aktuell mit dem Begriff belegt ist, gefällt mir besser, als die ursprünglich angedachte. Denn wer will schon von trägen, passiven Leuten lesen, die auf dem Sofa dahingammeln.
Ihr etwa?

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