Leigh Bardugo – Das Lied der Krähen

Leigh Bardugo – Das Lied der Krähen

Es gibt Bücher, da wünscht man sich als Autor, man hätte sie selbst geschrieben. Weil sie gut sind, richtig gut. Weil sich jedes Wort an einer empfindlichen Stelle deines Kopfes festsetzt und dort eine klitzekleine Narbe hinterlässt, bis sich schließlich ein Bild ergibt. Leigh Bardugo hat mit Das Lied der Krähen (im Original Six of Crows), dem ersten Teil einer High-Fantasy-Dilogie, genau so einen Titel vorgelegt. Abgesehen davon, dass die Story sich mehr als sehen lassen kann, sind die Figuren einfach fantastisch gelungen. Jeder der Charaktere ist einzigartig, hat eigene Antriebe, Fehler, seine eigene Geschichte und …

Seht ihr? Ich komme schon in der Einleitung ins Schwärmen. Also Abbruch und wenigstens ein paar Sätze zum Inhalt (ehe ich euch noch mehr Superlative um die Ohren haue).

Um was geht’s?

Den größten Coup in der Geschichte des Landes. Und um sechs jugendliche Außenseiter, die ihn durchziehen wollen. (Hier haben wir übrigens den einzigen kleinen Kritikpunkt, den ich anbringen könnte, wenn er nicht im Laufe der Geschichte völlig nebensächlich geworden wäre: Die Figuren sind zu jung.)

Der Auftrag lautet so simpel wie unmöglich: Brecht in ein Hochsicherheits-Gefängnis ein und entführt einen der Insassen, der über hochbrisantes Wissen verfügt. Die Belohnung ist groß, ja geradezu gigantisch. Es lockt mehr Geld, als sich einer der Beteiligten auch nur vorstellen kann. Und allein das würde als Anreiz genügen.
Anführer der wild zusammengewürfelten Gruppe aus Dieben, Ausreißern, Deserteuren und Magiebegabten ist Kaz Brekker. Schon dieser Name – Himmel! Wie das zischt und bricht beim Lesen … sprecht das mal laut aus, dann wisst ihr, wie Kaz ist. Seine hohe Stellung bei den Dregs, einer Diebesbande, und seine nie dagewesen Errungenschaften im Krähenclub (daher auch der Titel Das Lied der Krähen) verstärken sein selbstbewusstes Handeln nur noch. Doch dazu gleich mehr.
Kaz führt also seine Gefährten Inej, Nina, Matthias, Jesper und Wylan in einen Hochsicherheitstrakt, obwohl die Aussicht auf Erfolg bei Null liegt. Aber jeder der sechs Jugendlichen wird von etwas getrieben, hat einen Grund, ausgerechnet diesen Auftrag erledigen zu müssen. Unabhängig vom Geld. Wann und durch welche Ereignisse diese Intentionen entstanden sind, wird in immer wieder eingestreuten Rückblenden dargestellt.

Und exakt diese Tatsache hat mich ehrlich gesagt am meisten umgehauen.
Die Autorin hat über keine der Figuren zu viel geschrieben, über keine zu wenig. Alle haben ihren festen Platz im Geschehen, und den haben sie sich hart erarbeitet. Jede/r von ihnen kommt zu Wort (tatsächlich, denn die Geschichte ist aus sechs Perspektiven erzählt), jede/r ist mit so viele Liebe zum Detail gezeichnet … Man merkt beim Lesen, wie viele Stunden akribischer Charakter-Skizzierung da ins Land geflossen sind.

Und wie war’s?

Ich denke, man kann meine Begeisterung aufgrund der oben stehenden Worte bereits ein klein wenig erahnen. Für alle, denen das noch zu diffizil war:

LEST DIESES BUCH!

Die Geschichte ist es wert, gehört zu werden. Die Figuren sind es wert, begleitet zu werden, obwohl sie vor Fehlern nur so strotzen. Ob es nun Inej Ghafa ist, die sich auf beängstigende Weise lautlos bewegen kann und ihr Schicksal immer wieder furchtlos herausfordert. Oder Jesper, der spielsüchtige Scharfschütze und beste Freund, den man sich wünschen kann. Wylan, der seiner Familie den Rücken gekehrt hat, um sich selbst zu schützen. Nina, die Amazone mit Grischa-Kräften, die den Untergang ihres Volkes verhindern will. Matthias, der seiner Pflicht das eigene Ehrgefühl gegenüberstellt. Oder eben Kaz Brekker, der wohl von allen am härtesten getroffen wurde – und deshalb auch der schlimmste, gefährlichste von allen ist.

Und weil sie so genau hinhörte, erkannte sie den Moment, in dem Kaz Brekker, Dirtyhands, der Bastard aus dem Barrel und der tödlichste Junge in ganz Ketterdam, in Ohnmacht fiel.

(Lied der Krähen, Leigh Bardugo)

Ich hab ja ohnehin eine Schwäche für Antihelden und verzeihe ihnen mehr Fehltritte, als gut ist. Doch Kaz ist mir im Laufe des ersten Bandes bereits einer der liebsten geworden. Denn egal, wie unnahbar er auch tut und wie schwer es ihm fällt, sich in der Gegenwart von Menschen aufzuhalten, er kann nicht verheimlichen, was da so tief, tief vergraben in ihm lauert.

Fazit zu Leigh Bardugo – Das Lied der Krähen

Hab ich erwähnt, dass ihr dieses Buch lesen solltet? Ich glaube schon. Ansonsten wiederhole ich das gern. Es ist übrigens keine Voraussetzung, die Vorgänger-Trilogie Grischa aus dem Carlsen-Verlag zu kennen. Alles, was man über das Land und seine Bewohner wissen muss, wird hier bestens erklärt.

Aber: Obwohl es in der Grischa-Welt spielt, ist es kein Buch für Jugendliche unter 16 Jahren! Hier wird gemordet, gemeuchelt, geschlitzt, betrogen. Die Figurenliste ist lang, das Setting düster, die grauenhaften Schatten der Vergangenheit sind allgegenwärtig.

Für Fans von gut konstruierten Fantasy-Epen ist dieses Buch aber meiner Meinung nach ein Muss. Und da bald Weihnachten ist, weise ich gern darauf hin, dass Bücher unterm Baum immer eine gute Sache sind (die Isländer machen das jedes Jahr, nennt sich Jólabókaflóð und wird hier Torsten Woywood ganz toll erklärt!). Am allerbesten sind sie, wenn man mit ihrem Kauf dann auch noch den stationären Buchhandel unterstützt. 😉

(In diesem Blogeintrag wurden mehrere Links zu den vertreibenden Verlagen gesetzt. Es handelt sich um freiwillige Erwähnungen, keine Werbung!)

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