Ein paar Gedanken zum Buchmarkt

Ein paar Gedanken zum Buchmarkt

Mooorrrr, jetzt kommt die Kirchner auch noch und lamentiert darüber, wie man den Buchmarkt verbessern könnte, nachdem sich deshalb ohnehin schon wieder die gesamte Branche gegenseitig wie die Geier an die Hälse geht. (Joah, was soll ich da sagen …?) Kann man es nicht einfach mal gut sein lassen? (Nope!)

Fakt ist, ich hab keine Lösung. Obwohl ich Autorin und gelernte Buchhändlerin bin, weiß ich es ganz sicher nicht besser. Einen tatsächlichen Ausweg hat meiner bescheidenen Meinung nach nämlich aktuell (noch) niemand von uns, auch nicht diejenigen, die sich allein in ihrem Kämmerchen verkriechen und vorwurfsvolle Briefe schreiben oder Antworten darauf verfassen. Allein sind wir nämlich vor allem eins: Schwach. Insbesondere dann, wenn es um das Ändern und die Neuaufstellung einer gesamten Branche geht.

Hat es denn keiner kommen sehen?

Dass der Buchmarkt in einer Krise steckt, das sollte inzwischen bei jedem angekommen sein, der in den letzten Jahren seinen Kopf mal vom Smartphone gehoben hat. Und selbst diejenigen, die das nicht getan haben, dürften nicht an dieser Nachricht vorbeigekommen sein. Viel zu lange hat man sich in trauter Vielsamkeit gegenseitig den Rücken gekrault und sich liebgehabt, hat Millionen – ach was, Milliarden! – an Büchern verkauft und mächtig Kohle gescheffelt. Manch eine/r erinnert sich vielleicht noch an die Schlangen vor den Buchhandlungen, die sich dort schon in der Nacht vor dem Erscheinen des neuen Harry Potter gebildet haben. Hach, schön war’s!

Und jetzt? Plötzlich sechs Millionen LeserInnen weniger! Von Hundert auf Null in einer Sekunde! Oder?

Nö. Das hat sich doch schon lange angekündigt, dieser Rückgang der Verkäufe. Und Schuld daran trägt tatsächlich nicht allein Amazon, nein. Da muss sich schon jeder an die eigene Nase fassen, der in den goldenen Jahren gemütlich mitgeschwommen ist. War ja bequem, so kuschelig im Strom.  Immer mehr und mehr Geschichten eingekauft und auf den Markt geworfen. Mehr AutorInnen, mehr Serien, von allem mehr. Als Stephenie Meyer Biss zum Morgengrauen auf den Markt gebracht hat, wollten alle anderen Verlage auch so was im Angebot haben. Der Buchhändler wollte diese Bücher verkaufen. Die AutorInnen wollten so was schreiben, die LeserInnen darin versinken. Alle wollten mehr.
Ganz natürlich in der Marktwirtschaft.

Dann der erste Schockmoment. E-Books! Uff. Danach die durch Amazon stark vereinfachte Möglichkeit, als AutorIn selbst Bücher auf den Markt zu bringen. UFF. Sogar gedruckt! UFF! Die Preise in dem Segment sanken schnell ins Bodenlose, 99 Cent für ein Buch, an dem man monatelang gearbeitet hatte, waren (und sind noch immer) normal. Trotzdem konnte man Massen an Geld verdienen, wenn man es bloß geschickt anstellte und lieferte, was gefragt war. Und das abseits des Buchhandels. Den traf es nämlich als ersten.

Das Schwanken des Buchhandels

Dabei steht der in Deutschland dank der Buchpreisbindung ja noch ziemlich gesichert da. Was ich übrigens für eine großartige Sache halte, also Finger weg von diesem wichtigen Gesetz!

Die Antwort? Bestseller, man müsste mehr Bestseller verkaufen! Das würde Geld in die Kassen spülen. Kann man machen, machen aber alle anderen auch. Zum Beispiel der Edeka bei mir um die Ecke. Oder eben Amazon. Und wenn ich in der Buchhandlung das gleiche Angebot finde wie in meinem Discounter, fragt sich natürlich, wo der Anreiz für mich bleibt, beides zu besuchen.
Die nächste Antwort lautete: Ein ansprechender Online-Auftritt muss her, der von Amazon ablenkt. Konnte nicht funktionieren, denn Jeff Bezos kann Internet besser, weil Jeff Bezos das verdammte Internet revolutioniert hat! Außerdem wird eine Buchhandelsseite nie nie niemals so viele Kunden anlocken wie das große A, weil letzteres eben nicht nur Bücher und Nippes zum Schreiben anbietet, sondern auch Hundeleinen, Stillkissen und Hämorrhidensalbe.

Viele dieser Schnellschuss-Ideen gingen meiner Meinung nach an den EndkundInnen vorbei, und die dankten es mit noch mehr Abwesenheit. Die plötzliche Rückkehr zur Mentalität “Wir müssen den verbliebenen KäuferInnen mehr bieten, ihnen zeigen, dass wir sie wahrnehmen” ist das harte, weil extrem nötige Gegensteuern. Dass der Buchhandel aber mitnichten tot ist, sieht man an erfolgreichen Konzepten, wie sie etwa der Freiheitsplatz in Hanau oder das Ocelot in Berlin vorleben. Da wird Individualität gelebt, nicht Gleichschaltung.
(Werbung aufgrund Nennung von Buchhandlungsnamen)

(Im Übrigen will ich hier mal kurz Folgendes einwerfen: Ja, der Buchhandel wehrt sich oft gegen das Auslegen von selbst publizierten Büchern. Vor allem die großen Filialisten – wobei die gerade bei regionalen Titeln in der Regel nicht gleich abwinken. Der Hintergrund ist aber in den seltensten Fällen, dass die HändlerInnen die Bücher für Bullshit halten, sondern es fehlt schlicht und einfach an Platz, jeden Titel auszulegen, der angeboten wird – und das sind mehr, als man denken mag – sowie die Zeit, sich mit all den Inhalten zu beschäftigen, die neben den 100.000 jährlichen Verlagsneuerscheinungen auf den Markt geschwemmt werden. Hier muss eine andere Lösung her, um den EinkäuferInnen einen Überblick zu bieten.)

Die Verlagswelt folgt

Dass die Verlage dieses Schwanken irgendwann nicht mehr nur interessiert beobachten konnten, war auch abzusehen. Wenn der größte Abnehmer wackelt, schlägt das Wellen. In welcher Weise auch immer.  Die in den vergangenen Jahr(zehnt)en eingekauften AutorInnen, die Massen an Büchern produziert haben, erreichten plötzlich nicht mehr die Zahlen wie “damals”. Trotz der unzähligen Vertriebswege, trotz Amazon. Warum? Ach, die bis dahin stets milde belächelten SelfpublisherInnen gruben ja inzwischen ordentlich Wasser ab! Dann musste man die eben auch noch einkaufen. Hat nur leider nicht den Erfolg gebracht, den man sich erhofft hatte.

Auch hier ist der Schlag also inzwischen gehört worden, aber auch hier findet sich keine schnelle Lösung – kann sich keine finden, wenn man allein in seiner Filterblase darüber brütet! Viele beschweren sich über den immer wiederkehrenden Einheitsbrei, der verlegt wird, vergessen dabei jedoch, dass es das ist, was von den meisten Viellesern gekauft wird. Vor allem im Kinder-/Jugendbuch ist es doch ganz oft so, dass die LeserInnen denken: “Hab ich verschlungen, war geil, so was will ich wieder!” Und genau darum geht es: Gesehen und gekauft werden, um Geld zu verdienen. Deshalb springt man auf jedes Boot auf, bis es aufgrund der Überladung sinkt, anstatt selbst mutig Trends zu machen.

Irgendwann ist eben jedes Maul gefüllt. Während im Buchmarkt also noch immer Götter durch die Luft schweben, kümmern sich Streamingdienste wie Netflix bereits um die Dämonen. Während der Buchmarkt das xte magische Tier rausbringt, liefert die neue App auf dem Tablet abgefahrene Weltraum-Abenteuer für Kids.

See where that leads to?

Mal ein anderer Ansatz

Was ich eigentlich sagen will (und menno, das waren schon wieder viel zu viele Worte bis hierher): Wir können das besser! Ja, WIR! Denn ich glaube, dass wir diese Krise nur gemeinsam überstehen, und mit gemeinsam meine ich Verlage, Agenturen, AutorInnen (ob Selfpublishing oder Verlag, völlig wurst) Buchhandel und auch BloggerInnen, BooktuberInnen sowie BookstagramerInnen. Alle, die sich unter dem riesigen Dach Buchmarkt tummeln. Sich jetzt im Angesicht der drohenden Katastrophe gegenseitig den schwarzen Peter zuzuschieben grenzt für mich an Wahnsinn, denn es zeigt, wir finden allein keine Lösung für diesen Problem-Himalaya.

Also warum nutzen wir unsere heiligsten Veranstaltungen, die beiden großen Messen (gerne auch die kleinen) nicht, um ins Gespräch zu kommen, anstatt uns unterm Jahr gegenseitig zu zerfleischen? Warum setzt man sich dort nicht mal gemeinsam an einen (oder einhundert) Tisch(e), redet über die Probleme, die ja ganz offensichtlich da sind, und versucht sie, zusammen zu lösen? Nicht nur die alten Hasen und Häsinnen, die im “Das haben wir immer schon so gemacht” Sumpf feststecken, sondern eine gesunde Mischung aus Jung und Alt, aus innovativ und traditionell. Jeder wirft mal in die Runde, an was er gerade so knabbert, und jeder hört dem anderen mal aufmerksam zu. Und dann arbeitet man daran, hilft sich gegenseitig aus dem Sumpf heraus, reagiert dadurch in Zukunft möglicherweise schneller als bisher und endlich richtungweisend.

Würde das nicht viel eher zu einer Lösung beitragen, als sich gegenseitig und Amazon mit Vorwürfen zu bewerfen, als das wortlose einander Umkreisen in den höheren Etagen, das Küsschen-Küsschen-alles-gut-Lächeln bei einem Treffen? Weil eben nicht alles gut ist.

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